Pisali o podravskoj naivi za Frankfurter allgemeine Zeitung

Vrijedni učenici, uglavnom maturanti prošle generacije, pripremili su tekst o naivnoj umjetnosti za Frankfurter allgemeine Zeitung povodom 50. obljetnice Galerije naivne umjetnosti u Hlebinama i obilježavanja naive u Podravini. Mentor je učenicima profesor Miodrag Maričić.

„Wo die Sonnenblumen größer als die Kirchtürme sind“  Land, Leute und Naive Kunst in Hlebine

Die Podravina ist eine flache, grüne Landschaft, ungefähr 80 km nordöstlich von Zagreb. Sie liegt in den Auen des Flusses Drau, der hier die Grenze zwischen Kroatien und Ungarn bildet. Wiesen, Felder und Weiden, soweit das Auge reicht,  nur hin und wieder kleine, malerische Dörfer. Typisches Bauernland, eine kleine Welt für sich, von der man sagt, dass hier die Sonnenblumen größer als die Kirchtürme sind. Noch größer und weltweit bekannt ist aber die Kunst, die aus dieser Region stammt. Es ist die Schule der Naiven Kunst aus dem kleinen Dorf Hlebine, wo gerade mal etwa 1000 Einwohner leben. Und doch wurde es eines der berühmtesten Dörfer der Welt. Sanja Vgroč (47), in Hlebine geborene technische Museumsexpertin, erzählt begeistert: „Naive Kunst, das sind bunte Bilder, die das authentische Leben der Menschen, ihren Alltag, ihre Arbeit zeigen. Und zwar so, wie die Einheimischen selbst ihre Umgebung, den Fluss Drau, den Wind, die Geräusche des Dorfes mit dem Läuten der Glocken ihrer kleinen Kirche fühlten. Alle Jahreszeiten und alle Motive sind zu finden: Tote Natur, Landschaften, Dörfer, Porträts, Akte, Interieurs und figurale Kompositionen.“ Sanja Vrgoč arbeitet heute als eine von zwei hauptberuflichen Mitarbeiterinnen hier in der Galerie der Naiven Kunst. „Wissen Sie eigentlich“, fragt sie lachend,  „warum so viele gerufte Hühner auf diesen Bildern zu sehen sind? Ivan Generalić, der Begründer der Schule der Naiven Kunst, wurde als kleiner Bauernjunge frühmorgens immer von seinem Vater zur Arbeit geweckt. Und zwar kam der Vater mit einem Hahn ins Schlafzimmer und zog den so am Kropf, dass er laut krähte. Generalić hat sich später dafür gerächt, indem er ständig gerupfte Hähne in seinen Bildern platzierte.“

Das ist wahrscheinlich eine Legende, aber sie zeigt, wie eng das einfache Leben und die bunte, fröhlich wirkende Malerei der Künstler aus Hlebine doch miteinander verbunden sind. Es war in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts ein hartes Bauerleben in Hlebine. „Eines Tages“, erzählt Vrgoč, „musste Ivan Generalić im Laden seines Onkels aushelfen. Er hatte wenig zu tun und kritzelte gelangweilt auf Papiertüten und Packpaier herum. Zufällig kam der Maler Krsto Hegedušić vorbei und erkannte das Talent des Jungen. Er förderte ihn, und da es kein Geld für den Kauf von Leinwand gab, leitete er ihn in der alten Technik der Glasmalerei an.“ Denn Glas gab es auch damals genug. Fenster wurden ja immer und überall gebraucht. Wie so oft spielten also Armut, Talent und Zufall zusammen und machten ab 1930 Hlebine, das kleine Dorf am Ende der Welt, und seine Maler  weltweit bekannt.

Das hat das Dorf und seine Bewohner natürlich bis heute verändert. Und zwischenzeitlich hat diese Kunst selbst viele Höhen und Tiefen erlebt. Die Generation der Maler von Hlebine, zu der neben Ivan Generalić auch sein Sohn Josip Generalić, Franjo Mraz, Mirko Virius, Franjo Filipović, Dragan Gaži, Ivan Lackivić Croata, Mijo Kovačić, Martin Mehkek und Ivan Večenaj gehörten, erhielt nach dem II.Weltkrieg weltweite Anerkennung. In vielen Ländern der Welt wurden ihre Bilder ausgestellt. Mit der Zeit änderte sich nicht unbedingt der Stil, aber die Motive blieben nicht auf die Podravina beschränkt. So wurden zum Beispiel auch „The Beatles“ oder die italienische Schauspielerin Sophia Loren zum Gegenstand naiver Malerei. Nach dem „goldenen Zeitalter der 1970er und 1980er Jahre“ kam es dann, wie Frau Vgroč berichtet, zu einer Überproduktion. Im Umkreis von 50 km rund um Hlebine leben heute etwa 100 Menschen, die sich ausschließlich mit „naiver Kunst“ beschäftigen. Vieles, wie bunte Ostereier, wirkt dabei eher wie ein regional typisches Souvenier, wie ein Marketingtrick und nicht wie Kunst. Das meint auch  Goran Generalić, der Erbe der wertvollen Sammlungen seines Großvaters Ivan und seines Vaters Josip: “Abgesehen von Ausnahmen, verwandelte sich die Naive Kunst in eine massive Produktion von billigen, quadratischen Glas-Souvenirs, die manchmal in bester Absicht als repräsentatives Muster dargestellt werden, was sich auf ihren Wert auswirkt.” Aber nicht nur die Enkelgeneration der Günder möchte das Erbe wahren und schützen. Seit 1968 gibt es die zentrale Galerie in Hlebine. Sie wurde auf Wunsch von Ivan Generalić errichtet. Die Kunst-Objekte im 1.Teil der Galerie stammen aus seinem Besitz, es sind etwa 1.000 Stück. Im 2.Teil der Galerie finden zusätzlich monatlich wechselnde Ausstellungen statt. Alle diese Bilder stammen aus dem zentralen Museum für Naive Kunst in der nahegelgenen Stadt Koprivnica. Das hat einen hiostorischen Grund, erzählt Sanja Vrgoč, denn im Jugoslawien, zu dem Kroatien gehörte, gehörte das  Dorf Hlebine zur damaligen Gemeinde  Koprivnica. Künstler schenkten viele ihrer Objekte deshalb der Stadt Koprivnica. Aus dieser Sammlung erhält die Galerie in Hlebine, die in diesem Jahr ihr 50stes Jubiläum feierte, nun wechselnd ihre Ausstellungsstücke. Andere Ausstellungen der Galerie widmen sich noch heute tätigen Künstlern.

Die Idee zu der Galerie entstand bereits in den 1960er Jahren. Finanziert wurde der Bau durch den Staat und das größte Unternehmen in der Region („Podravka“, ein LebensmittelProduzent). Außerdem kam viel Arbeitsleistung von den Menschen aus Hlebine hinzu. Das Gebäude selbst, ein schlichter Bau in roten Ziegeln, ist also selbst ein Produkt der Region und ihrer Bewohner. Besitzer des Gebäudes ist die Gemeidne Hlebine. Doch profitieren tut sie kaum davon. „Heute kommen nur noch etwa 3.000 – 4.000 Besucher pro Jahr in die Galerie“, berichtet Sanja Vrgoč, die sich auch deshalb viel Zeit für unser Gespräch nehmen kann. „Aber das war früher anders: 1968 kamen in den ersten 3 Tagen nach der Eröffnung mehr als 5.000 Besucher. Danach hatten wir etwa 10.000 – 20.000 Besucher jährlich. Viele Besucher kamen aus der ganzen Welt! Dabei waren auch zahlreiche Prominente, so zum Beispiel aus der RockefellerDynastie in den USA. Oder auch der Hollywood-Star Yul Brunner während der Drehpause zu einem Film in unserer Region.“ Selbstverständlich sind auch die kroatischen Statspräsidenten Stipe Mesić, Ivo Jospović, Kolinda Grabar Kitarović und mehrere Kulturminister im Rahmen offizieller Besuche/Programm zu Besuch gewesen. „Und der damalige deutsche Botschafter Fischer war sogar zwei Mal zu Besuch“, erzählt Sanja Vrgoč mit Stolz, „auch wenn er beim zweiten Besuch privat hier gewesen ist“.

Eine solche große Zahl an Besuchern gibt es nun leider schon lange nicht mehr. Die Mitarbeiterinnen der Galerie haben leider kaum noch mit Betreuung von Besuchern zu tun. Internationale Gäste kommen heute gezielt zu Besuch, aber es sind nicht sehr viele. Und so fehlt es leider auch an finanziellen Mitteln, um die Galerie gut zu unterhalten und ihre Kunst zu fördern. Die Eintrittspreise sind mit 20 kroatischen Kuna für Erwachsene, etwa 2,30 €, nicht sehr hoch. Finanzielle Spenden erhält die Galerie kaum, weil in Kroatien darauf Mehrwertsteuer zu erstatten ist. Sachspenden kommen schon mal als Bilder von Privatsammlern.  So verfügt die Galerie kaum über Einnahmen, hat aber große Ausgaben. Von der Gespanschaft und der Stadt Koprivnica erhält sie etwa 30.000,00€/Jahr; von staatlicher Seite aus dem zuständigen Ministerium gibt es Zuschüsse zu einigen Projekten. Doch dammit müssen alle laufenden Kosten, auch die Gehälter der zwei ständigen Mitarbeiterinnen bezahlt werden.

Dazu gehört auch Helena Kušenić, die Kuratorin der Galerie.  Die junge Frau, Mitte 30, ist gehbehindert. Vielleicht auch deshalb lässt sie sich von schwierigen Situation nicht leicht unterkriegen. „Ich bin ein Mitglied der Vereinigung von Menschen mit Behinderungen ´Ein besseres Morgen´. Mit ihnen arbeite ich an der öffentlichen Wahrnehmung von Menschen mit Behinderungen und reise um die Welt. Ich hatte sogar die Möglichkeit, meine Vereinigung in Finnland und der Tschechischen Republik zu vertreten.“ Zur Kunst und in die Galerie in Hlebine ist Helena Kušenić eher zufällig gekommen. Und zwar durch ein Erlebnis auf einer Ausstellung in Zagreb, die für sie überraschend interessant war. Nach dieser Erfahrung fragte sie den Reiseleiter, was sie studieren müsse, um Reiseführerin zu werden. Die Antwort sei gewesen: „Kunstgeschichte“. „Und deswegen“, sagt die heutige Kuratorin,  „habe ich Kunstgeschichte und Kroatische Sprache und Literatur an der Philosophischen Fakultät in Zagreb studiert.“ Und so setzt sie sich heute engagiert zur Förderung der Naiven Kunst aus Hlebine ein. Selbstverständlich haben diese Kunstwerke nicht nur eine ästhetische, kulturhistorische Bedeutung, sie haben auch einen hohen finanziellen Wert.  Und trotzdem ist in der Galerie keine aufwendige elektronische Sicherung zu erkennen, ist überhaupt keine besondere Sicherung zu bemerken. Es gibt nur einige Bewegungsmelder, die einen Alarm auslösen können. „1994 erfolgte bereits einmal ein Einbruch durch die ganz normale Hintertür, wie man sie in jedem Einfamilienhaus findet. Ein wichtiges Bild von Mio Kovačić „Jama“ wurde gestohlen. Dadurch ist ein Schaden in Höhe von ein paar tausend  EURO entstanden“, so Sanja Vrgoč.

Auch heute noch gibt es nur normale Türschlösser, kein großes Schließsystem. Darf man totzdem über den aktuellen Wert der Ausstellung sprechen? „Ja klar, darf man das,“ sagt lachend Sanja Vgroč, „unser aktuell teuerstes Werk in der Ausstellung hat einen sehr großen Wert!“, fügt sie stolz hinzu.

Und um diesen Schatz zu schützen und zu fördern hat die Galerie einen großen Plan ausgearbeitet. Bereits 2017 sollte eine Renovierung des Gebäudes durchgeführt werden, denn unabhängig von der fehlenden Sicherung hat das Gebäude auch keine Heizung; trotzdem bleibt es aber im Winter geöffnet. Und dann soll die Galerie ausgebaut werden, auch um das gesamte Projekt „Naive Kunst“ besser vermarkten zu können. Dazu hatte die Galerie dann einen Antrag auf regionale Förderung bei der Europäischen Union gestellt. „Doch der Antrag hatte aus administrativen Gründen leider keinen  Erfolg“, so Sanja Vrgoč. Und deshalb gibt es in der Galerie, für die Helena Kušenić und Sanja Vrgoč sich so engagiert einsetzen, einen großen Wunsch: „ Dass unser Antrag bei der EU in Höhe von etwa 8 Millionen kroatische Kuna  – ca.  1 Million € – 2018 endlich erfolgreich sein wird!“

Denn dann ließe sich „die Zukunft der Naiven in modernen Zeiten“ (Vrgoč) aktiver gestalten. Denn diese Kunst ist auch im Bewusstsein der jungen Generation unserer Region präsent. Lea Petrošanec, Schülerin unseres Gymansiums Fran Galovićin Koprivnica erzählt: „Mein Großvater hatte solche Bilder gemacht und ich hatte die Chance solche Bilder zu sehen, als ich ganz klein war. Die Glasöltechnik hat mich sofort fasziniert und es schein mir immer noch sehr interessant.“ Sogar Jugendliche wie unsere Abiturientin Daria Dautović, die sich mit Kunst in ihrer Freizeit kaum beschäftigen, verstehen, „dass es für unsere Region von großem Wert ist, da die Themen eng mit der Tradition und der Landschaft der Podravina verbunden sind.“ Die Mitarbeiterinnen der Galerie und des Musesums in Koprivnica bemühen sich daher sehr darum, die Naive Malerie zu fördern und für den besuch in der Galerie zu werben. Sie entwickeln dazu neue Programme. Sehr gut angenommen wird dabei ein Lehrprogramm, das sich an die Jüngsten wendet und „KUL Hlebine – Kultur, Kunst, Camping“ heißt.  Das bedeutet, dass Kinder alle diese drei Elemente verbinden und drei Tage in Zelten verbringen, in Zusammenarbeit mit Pfadfindern und der Vereinigung der naiven Maler und Bildhauer aus Hlebine. Die Kinder sind zwischen 8 und 12 Jahren alt und bewerben sich nach einer öffentlichen Ausschreibung. In den  drei Projekt-Tagen lernen die Kinder dann so oft und so viel wie möglich auf Glas zu malen.  Durch die Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung, und anderen Personen erfahren sie außerdem etwas über die Geschichte, wie man einst im Dorf gelebt hat, und auch, wie man heute noch hier lebt, weil diese Lebensweise für Kinder aus der Stadt doch sehr ungewöhnlich ist. Helena Kušenić fügt hinzu. „Wir versuchen, mit unserer Arbeit ausder Galerie raus zu gehen und die Zusammenarbeit breit und in ganz Kroatien zu vernetzen. Und wir repräsentieren so viele Künstler und verschiedene Ausstellungen und entwickeln einige neue Programme, die ein anderes, großes Publikum anlocken könnten.“

Aber nicht nur die Bewohner der Region und aus ganz Kroatien, sondern Kunstinteressierte aus aller Welt sollen wieder für Naive Malerei aus Hlebine interessiert werden. So gibt es von der Galerie eine virtuelle Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit Google entstanden ist. Auch dadurch erhalten Sanja Vrgočund Helena Kušenić Anfragen aus der ganzen Welt von Menschen, die Objekte Naiver Malerei besitzen und dann nach dem Wert eines Bildes fragen oder danach, ob ihr Stück ein Original ist oder nicht. Auch daraus läßt sich schließen, dass die Galerie in Hlebine noch immer Menschen anzieht und in der Zukunft, durch eine bessere Vermarktung, noch mehr Menschen in die Region rund um Hlebine bringen könnte.

Sanja Vrgoč lachend: „Besuchen Sie die Podravina, besuchen Sie Hlebine und die Galerie der Naiven Malerei. Nehmen Sie aber bitte nicht einfach unserer Bilder von der Wand, sondern einen unvergesslichen Eindruck aus einer Region mit, in der die Sonnenblumen größer als die Kirchtürme sind!“

Naslovna fotografija: Marko Posavec

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